Was ich von Podcasts gelernt habe

Willi Sickinger über seine Podcast-Favoriten, warum er auf Nachrichten verzichtet und wieso ihm gute Gespräche mehr geben als Bücher.
Persönliche Gedanken von Willi Sickinger
Wenn ich ins Auto steige, kann ich grundsätzlich hören, was ich möchte – vorausgesetzt, ich sitze alleine darin.
Dann kann es leise sein oder laut. Meistens ist es bei mir eher laut.
Für meine jeweilige Stimmung habe ich mittlerweile die passende Playlist. Manchmal brauche ich Musik, um den Kopf freizubekommen, manchmal, um neue Energie zu bekommen, und manchmal passt sie einfach genau zum Moment.
Wenn ich aber auf Wissen aus bin, starte ich einen Podcast.
Podcasts sind für mich eine moderne Form der Weiterbildung. Ich entscheide selbst, wann ich etwas lernen möchte, wem ich zuhöre und welches Thema mich gerade interessiert.
„Aus einer gewöhnlichen Autofahrt wird dadurch plötzlich wertvolle Zeit.“
Keine Nachrichten auf Dauerbetrieb
Meine Frau Susanne und ich haben uns vor rund 17 Jahren bewusst dazu entschieden, keine Fernseh- und Radionachrichten mehr zu konsumieren.
Nicht, weil uns die Welt egal wäre. Ganz im Gegenteil.
Wir möchten selbst entscheiden, wann wir uns informieren, welche Themen für uns wichtig sind und welche Quellen wir dafür nutzen.
Die wirklich wichtigen Nachrichten erreichen einen ohnehin. Dafür muss man sich nicht jeden Morgen und jeden Abend dieselben schlechten Meldungen in leicht veränderter Reihenfolge anhören.
Seitdem ist es bei uns deutlich ruhiger geworden – zumindest was die Nachrichten betrifft. In einem Familienbetrieb findet sich ohnehin immer ein anderes Thema, über das man sich Gedanken machen kann.
Auch in meinem Auto sind keine Radiosender gespeichert.
Wenn das Auto in der Werkstatt steht, wird das Radio eingeschaltet – und es kommt nichts.
Dann folgt meistens der besorgte Blick:
„Ist das Radio kaputt?“
Nein.
Es hat bei mir nur schon länger keinen fixen Arbeitsplatz mehr.
Bücher finde ich großartig – theoretisch
Zu meinem Geburtstag bekomme ich von meiner Familie immer wieder Bücher geschenkt.
Wirtschaft, Unternehmertum, Motivation, Persönlichkeitsentwicklung – eigentlich genau meine Themen.
Das Problem beginnt meistens nach einigen Seiten.
Ich werde müde und schlafe ein.
Nicht, weil die Bücher schlecht wären. Ein Buch muss allerdings schon sehr gut geschrieben sein, damit ich nach einem langen Arbeitstag aufmerksam dranbleibe.
Bei einem Podcast funktioniert das anders.
Den kann ich beim Autofahren hören, beim Spazierengehen mit unserem Hund Rocco oder bei Tätigkeiten, bei denen meine Hände beschäftigt sind, mein Kopf aber noch Platz für neue Gedanken hat.
Früher war das einfach Zeit.
Heute ist es Lernzeit.
Und es fühlt sich trotzdem nicht wie Unterricht an.
Der Podcast, der mich gepackt hat
Mein richtiger Einstieg in die Podcast-Welt war Ben Berndt mit seinem Podcast „ungeskriptet“.
Zu Gast war Dieter Lange.
Diese Folge war für mich gewaltig.
Ich habe sie mir gleich zweimal angehört.
Nicht, weil ich beim ersten Mal geschlafen hätte – das passiert eher bei Büchern. Beim zweiten Anhören habe ich einfach wieder neue Gedanken entdeckt.
Manche Aussagen nimmt man beim ersten Mal wahr, andere beginnen erst später im Kopf zu arbeiten.
Genau das hat mich beeindruckt.
„Ein gutes Gespräch endet nicht, wenn die Folge vorbei ist. Es begleitet einen weiter.“
Man kann gar nicht nicht dazulernen
Wenn Du einen Podcast hörst – egal von wem und egal zu welchem Thema –, kannst Du meiner Meinung nach gar nicht nicht dazulernen.
Du nimmst immer etwas mit.
Vielleicht eine neue Idee.
Vielleicht eine spannende Lebensgeschichte.
Vielleicht einen praktischen Hinweis.
Oder einfach die Erkenntnis:
„So sehe ich das überhaupt nicht.“
Auch das ist Lernen.
Nicht jeder Podcast muss mir gefallen. Nicht jeder Gast muss mir sympathisch sein. Und nicht jede Meinung muss zu meiner eigenen passen.
Trotzdem erfahre ich etwas darüber, wie andere Menschen denken, was sie beschäftigt und welche Ansichten gerade im Netz herumirren.
Hin und wieder bin ich deshalb bewusst mutig und höre mir einen Podcast an, den ich normalerweise nicht auswählen würde.
Ein völlig anderes Thema.
Eine Person, deren Haltung mir fremd ist.
Oder eine Folge, bei der ich bereits nach dem Titel denke:
„Na gut, hören wir uns einmal an, wie man auf so etwas kommt.“
Manchmal werde ich positiv überrascht.
Manchmal bestätigt sich mein erster Eindruck.
Und gelegentlich bin ich nach zehn Minuten noch verwirrter als vorher.
Aber selbst dann habe ich etwas gelernt.
„Wer immer nur Menschen zuhört, die genau dasselbe sagen wie man selbst, erfährt irgendwann nichts Neues mehr.“
Mein kleiner Hotelpodcast
Die spannendsten Geschichten höre ich allerdings nicht immer über Kopfhörer.
Wenn ich morgens an der Rezeption stehe und mit unseren Gästen ins Gespräch komme, frage ich oft:
„Wie geht es Dir?“
Das ist bei mir keine höfliche Pflichtfrage, bei der ich bereits mit einem halben Ohr beim nächsten Thema bin.
Es interessiert mich wirklich.
Und genau deshalb erzählen mir Gäste häufig von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Reisen oder davon, warum sie gerade bei uns übernachten.
Manche erzählen von spannenden Projekten.
Andere von ihrem Unternehmen, ihrer Familie oder von einer schwierigen Zeit.
Manchmal entsteht aus einer einfachen Frage ein Gespräch, das mich noch den ganzen Tag begleitet.
„Das ist mein kleiner Hotelpodcast.“
Ohne Mikrofon.
Ohne Intro-Musik.
Ohne Werbeunterbrechung.
Dafür meistens mit Kaffee und einer echten Geschichte.
Dabei merke ich immer wieder: Fast jeder Mensch hat etwas Interessantes zu erzählen. Man muss nur ehrlich fragen, aufmerksam zuhören und dem anderen Zeit geben.
Vielleicht gefällt mir genau deshalb auch ein guter Podcast so gut.
Vielleicht fasziniert mich an Podcasts gar nicht das Reden. Vielleicht fasziniert mich das Zuhören. Denn jedes Mal, wenn ich einem Menschen aufmerksam zuhöre – egal ob im Auto über Kopfhörer oder morgens an unserer Rezeption –, nehme ich etwas für mich mit. Genau deshalb glaube ich, dass Zuhören eine der am meisten unterschätzten Fähigkeiten unserer Zeit geworden ist.
Am Ende geht es nicht nur ums Reden.
Es geht ums Zuhören.
Was einen guten Podcast für mich ausmacht
Ich höre nicht jedem Menschen gleich gerne zu.
Für mich entscheidet oft bereits die Art, wie gesprochen wird.
Kann jemand wirklich zuhören?
Lässt er seinen Gast ausreden?
Spricht er klar und verständlich?
Oder reden drei Menschen gleichzeitig und nach zwanzig Minuten weiß niemand mehr, wie die ursprüngliche Frage gelautet hat?
Ich möchte Informationen erhalten.
Keine Dauerbelehrung.
Ich schätze Podcaster, die gute Fragen stellen und ihren Gästen Raum geben.
Natürlich ist niemand vollkommen neutral. Jeder Mensch hat eigene Erfahrungen, Werte und Überzeugungen.
Aber ein guter Gastgeber stellt für mich seinen Gast in den Mittelpunkt und versucht nicht, jede Antwort sofort mit seiner eigenen Meinung zu überdecken.
„Meine Meinung bilde ich mir lieber selbst.“
Meine persönlichen Favoriten
Ben Berndt – ungeskriptet
Website: https://www.ungeskriptet.com/
Ben besitzt eine Fähigkeit, die heute fast selten geworden ist:
Er hört zu.
Er lässt Menschen sprechen und gibt ihren Geschichten Raum.
Nicht jede Lebensgeschichte betrifft mich persönlich. Trotzdem nehme ich aus fast jeder Folge etwas mit.
Manchmal ist es ein Gedanke des Gastes.
Manchmal eine völlig andere Sichtweise.
Und manchmal einfach die Erkenntnis, wie unterschiedlich Lebenswege sein können.
Gerade die Folge mit Dieter Lange war für mich der Einstieg in diese Welt. Ich hoffe, dass Ben seinen Werten und seiner Art treu bleibt.
Smart Hotel Key – Marco Riederer
Website: https://smarthotelkey.at/podcast/
Als Hotelbetreiber ist dieser Podcast für mich besonders interessant.
Marco Riederer spricht über Themen, die mich im Alltag direkt betreffen: aktuelle Entwicklungen, Kennzahlen, Trends in der Hotellerie und Fragen, die sich ein Hotelbetreiber regelmäßig stellen sollte.
Er erklärt vieles einfach und verständlich.
Natürlich schwingt auch Eigenwerbung für sein Unternehmen mit. Wenn der Inhalt wertvoll ist, kann ich damit gut leben.
Nach manchen Folgen denke ich mir:
„Das könnten wir im Schlafraum eigentlich auch ausprobieren.“
Und genau dann hat sich die Zeit bereits gelohnt.
Lanz & Precht
Podcast: https://www.youtube.com/playlist?list=PLdPrKDvwrog6nXguUXjQcTIw685Xa6Bg5
Was mir an diesem Format gefällt:
Die beiden sind nicht immer einer Meinung.
Genau dadurch entstehen interessante Gespräche.
Ich muss nicht jede Aussage unterschreiben. Aber ich denke danach häufig anders über bestimmte Themen nach.
Ein Gespräch, bei dem sich alle Beteiligten von Anfang bis Ende gegenseitig bestätigen, ist für mich weniger spannend.
Streitwert – Stephan Zöchling
Website: https://www.zusammenstaerker.at/
Stephan Zöchling finde ich als Persönlichkeit oft fast spannender als seine Gäste.
Er wirkt auf mich direkt, klar und geradlinig. Wenn er spricht, habe ich das Gefühl, dass er sagt, was er wirklich denkt.
Bei politischen Gästen wird es für meinen Geschmack manchmal mühsamer. Dann wird aus einem Gespräch schnell Wahlkampf und aus einer Antwort eine vorbereitete Parteibotschaft.
Trotzdem höre ich immer wieder hinein.
Manchmal denke ich mir mit einem Schmunzeln: Sollte Stephan Zöchling irgendwann einmal in die Politik gehen, dann könnte es für den einen oder anderen ziemlich ungemütlich werden. Das ist allerdings nur mein persönlicher Gedanke – gesagt hat er das meines Wissens nie. Ehrlich gesagt hoffe ich sogar, dass er Unternehmer und Podcaster bleibt, denn genau dort höre ich ihm gerne zu.
Ich hoffe allerdings fast, dass er es nicht macht.
Als Unternehmer und Podcaster ist er mir eigentlich lieber.
Nicht alles glauben – selbst nachdenken
Ich finde es heute wichtiger denn je, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Nicht alles glauben, was klassische Medien berichten.
Nicht alles übernehmen, was in sozialen Netzwerken geteilt wird.
Aber auch nicht automatisch alles ablehnen, nur weil es nicht zur eigenen Haltung passt.
Kritisch zu sein bedeutet für mich nicht, grundsätzlich gegen alles zu sein.
Es bedeutet:
zuhören,
hinterfragen,
unterschiedliche Quellen nutzen,
verschiedene Meinungen anhören
und danach selbst nachdenken.
Weder Medien noch Politiker, Influencer oder Podcaster sollten uns das Denken abnehmen.
Auch ich nicht.
Es ist vollkommen in Ordnung, wenn Dir meine Ansichten nicht gefallen.
Finde selbst heraus, was Dich interessiert, was für Dich nachvollziehbar ist und welche Haltung Du daraus entwickelst.
Entscheidend ist nicht, dass wir alle derselben Meinung sind.
„Entscheidend ist, dass wir uns unsere Meinung selbst erarbeiten.“
Meine Leitwerte
Bei allen unterschiedlichen Ansichten gibt es für mich Werte, die nicht täglich neu verhandelt werden müssen:
„Respekt. Höflichkeit. Disziplin.“
Diese drei Werte begleiten uns seit vielen Jahren.
Geprägt wurden sie unter anderem durch unseren Mentor Manfred Winterheller. Meine Frau Susanne und ich haben bei ihm zahlreiche Vorträge und Seminare besucht. Seine Gedanken zu Persönlichkeit, Führung und Unternehmertum haben uns nachhaltig geprägt.
Mehr dazu: https://winterheller.com/produkte/
Als Unternehmer.
Im Umgang mit unseren Gästen.
In der Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Partnern.
Und auch im privaten Leben.
Man kann völlig unterschiedlicher Meinung sein und sich trotzdem respektvoll begegnen.
Man kann kritisch fragen und trotzdem höflich bleiben.
Und man kann große Ziele haben – ohne Disziplin bleiben sie allerdings meistens nur gute Vorsätze.
Diese Werte kosten nichts.
Aber sie verändern unglaublich viel.
Mein Fazit
Podcasts haben meinen Alltag verändert.
Sie machen aus Autofahrten Weiterbildung.
Sie bringen mich auf neue Gedanken und zeigen mir Menschen, Meinungen und Lebensgeschichten, denen ich sonst vielleicht nie begegnet wäre.
Nicht jede Folge begeistert mich.
Nicht jede Meinung teile ich.
Und manche Ansichten sind so weit von meiner eigenen entfernt, dass ich kurz prüfen muss, ob nicht doch versehentlich eine Kabarettsendung läuft.
Trotzdem nehme ich fast immer etwas mit.
Manchmal kommt der beste Gedanke aus einem großen Podcast.
Manchmal entsteht er morgens an unserer Rezeption im Gespräch mit einem Gast.
Vielleicht gefallen mir Podcasts genau deshalb so gut.
Denn gute Gastgeber und gute Podcaster haben etwas gemeinsam:
Sie reden nicht die ganze Zeit.
Sie stellen Fragen.
Sie sind ehrlich interessiert.
Und vor allem hören sie zu.
Ich glaube, jeder Mensch trägt eine Geschichte in sich, die es wert ist, gehört zu werden.
Man muss ihm nur die Gelegenheit geben, sie zu erzählen.
Vielleicht begegnest Du heute noch einem Menschen, dessen Geschichte Du noch nicht kennst.
Frag ihn einfach ehrlich:
„Wie geht es Dir?“
Und wenn Du fragst, dann hör auch wirklich zu.
„Vielleicht beginnt genau dort der spannendste Podcast, den Du je gehört hast.“